Nov 29 2008

Was machen langjährige Paare anders?

summer-loving_small-photocase795649393„Liebesbeweis aus dem Hirnscanner“ lautete die wenig romantische Überschrift einer Zeitungsmeldung, die mich zu diesem Beitrag anregte.

Darin berichtet eine Wissenschaftlerin, dass sie mittels Kernspintomographie die neuronalen Aktivitätsmuster von Paaren untersuchte, die im Schnitt zwanzig Jahre verheiratet waren und beteuerten, dass sie noch immer verliebt ineinander seien. Verglichen mit Hirnscans von frisch verliebten Paaren zeigte sich auch bei den Alt-Paaren beim Betrachten eines Bildes des Partners starke Aktivität im Nucleus caudatus!

Auf deutsch: im Gehirn wurde das Belohnungszentrum, das im übrigen auch beim Gebrauch von Kokain und Heroin „feuert“, stark aktiviert.

Nun, um zu beurteilen, wie Sie auf Ihren Partner reagieren, brauchen Sie nicht gleich einen Kernspintomographen. Es genügt, nur mal achtsam zu beobachten, was bei Ihnen innerlich abläuft, wenn Sie nach einem langen Arbeitstag zu Hause auf Ihren Partner treffen. Oder wenn Sie untertags unvermutet Ihr Partner anruft.

Registrieren Sie dann eher das Anfluten von dopaminergen Botenstoffen (Stichwort: Heroin und Kokain) oder reagieren Sie eher mürrisch, gelangweilt, gereizt – oder gar nicht?

Betrachtet man die seit Jahren steigenden Scheidungszahlen oder schaut vergleichsweise mal in seinen Bekannten- und Freundeskreis, dann kann die Frage auftauchen: Woran liegt das?

Das Familienhandbuch des Staatsinstituts für Frühpädagogik führt für das Gelingen oder Scheitern einer Beziehung schon mal handfeste soziologische Ursachen an:

  • Wurden die Eltern eines oder beider Partner geschieden, geht damit eine Erhöhung des eigenen Scheidungsrisikos einher.
  • War einer der Partner vorher bereits einmal geschieden, so erhöht dies das Scheidungsrisiko der folgenden Ehe.
  • Je jünger die Partner bei der Heirat sind, umso größer ist das Scheidungsrisiko.
  • Paare, die kirchlich getraut wurden, weisen ein geringeres Scheidungsrisiko auf.
  • Paare, die in Wohnorten mit weniger als 100.000 Einwohnern leben, weisen ein geringeres Scheidungsrisiko auf als die anderen Paare.
  • Paare, die während ihrer Ehe zumindest zeitweise in der Nachbarschaft von Eltern oder Schwiegereltern leben, weisen ein geringeres Scheidungsrisiko auf.
  • Paare, in denen beide Partner den gleichen Schulabschluss haben, weisen ein geringeres Scheidungsrisiko auf.
  • Je mehr die Partner zur Zeit ihrer Heirat gemeinsam in ihrer Freizeit unternahmen, umso geringer ist das Scheidungsrisiko.
  • Paare mit gemeinsamen Kindern haben ein geringeres Scheidungsrisiko als die anderen Paare.
  • Verglichen mit den anderen Paaren ist das Scheidungsrisiko geringer, wenn die Partner gemeinsames Wohneigentum besitzen.
  • Ehen, in denen die Männer eine Berufsausbildung oder einen Hochschulabschluss haben, unterliegen einem geringeren Scheidungsrisiko als Ehen von Männern ohne Berufsabschluss. Dagegen zeigt sich kein Zusammenhang zwischen der Berufsausbildung der Frauen und dem Scheidungsrisiko.
  • Ehen mit vollzeiterwerbstätigem Ehemann weisen ein geringeres Scheidungsrisiko auf als die anderen Ehen.

Wenn Sie also jetzt auf Nummer Sicher gehen wollen, brauchen Sie als Frau einen Partner, der noch nie geschieden wurde, den gleichen Schulabschluss wie Sie und einen Beruf hat aber nicht zu jung ist. Er sollte bereit sein, sich kirchlich trauen zu lassen und mit Ihnen in eine Kleinstadt in die Nähe seiner oder Ihrer Eltern zu ziehen. Sie sollten sich dann Kinder und Wohneigentum anschaffen, beide Vollzeit arbeiten und viel gemeinsam die Freizeit verbringen.

Nun ja, da bleibt man vielleicht lange zusammen aber vielleicht auch, weil man rund um die Uhr beschäftigt ist und für das Paarleben kaum Zeit bleibt.

Aus meiner persönlichen Eheerfahrung (fünfundzwanzig Jahre) und meiner beruflichen Arbeit als Paartherapeut will ich hier meine Antworten auf die Frage, die ja alle Paare interessiert, formulieren:

„Wie bleiben wir möglichst lange ein glückliches Paar?“

Es sind aus meiner Sicht sieben Herausforderungen:

  1. Sich zum Partner bekennen.
    Beziehung braucht Verbindlichkeit. Also ein freiwilliges Sich Einlassen auf diesen einen Menschen. Es braucht eine Entscheidung für diesen Menschen und eine Entscheidung gegen alle anderen Menschen oder Beschäftigungen, die diese Verbindlichkeit belasten können.
    Damit sind jetzt einerseits erotische Affären gemeint aber auch eine Überbetonung der Karriere, wo also jemand eigentlich mit seinem Beruf verheiratet ist.
    Wie dieses „Bekennen“ aussieht, ist individuell verschieden und muss das Paar für sich klären. Für die meisten ist es die Hochzeit und das Tragen von Ringen. Ich bin immer skeptisch, wenn Paare länger zusammenleben, vielleicht Kinder haben, aber diesen wichtigen Schritt mit rationalen Argumenten verweigern.
    Das Bekennen geschieht ja nicht im Kopf, sondern hat zwei Richtungen. Nach innen zum Partner und nach außen als soziales Ritual. Man zeigt der Gemeinschaft: „Seht alle her! Das ist der Mensch, den ich liebe.“
    Und natürlich ist es mit einem einmaligen Bekennen nicht getan. Es muss immer wieder empfunden und gezeigt werden.
  2. Seine Geschichte aufarbeiten.
    Ich glaube, die meisten Beziehungen scheitern nicht an mangelnder Liebe, sondern an den Hypotheken aus der Vergangenheit. Und diese Hypothek bringt jeder mit als seinen unbewussten Beitrag.
    So verstehe ich auch das statistische Phänomen, dass Kinder aus Ehen, wo die Eltern sich trennten, ein höheres Scheidungsrisiko haben. Man müsste ja denken, die wollen bestimmt das vermeiden, was sie als Kind meist schmerzlich erlebt haben.
    Aber es sind eben unbewusste Hypotheken. Da spielen hinein die Ehe der Eltern, das Männer- und Frauenbild, das man von zu Hause mitbekommt. Die eigene Geschwisterposition spielt eine große Rolle. Und vor allem, wie sehr man seinen Frieden mit seinen Eltern gemacht hat. Also, wie sehr auf der einen Seite die eigene Ablösung geglückt ist und gleichzeitig ein angemessener Kontakt mit den Eltern möglich ist.
    Ganz viele Partner sind eben in vielen Beziehungssituationen nicht erwachsen. Man projiziert zum Beispiel das Bild einer kontrollierenden, dominanten Mutter auf die eigene Ehefrau. Oder man hat Angst, sich einem Mann hinzugeben, weil man als Mädchen Mannsein mit Kälte, Distanz oder Gewalt erlebt hat.
    Die eigene Geschichte aufarbeiten geschieht am besten über viel Reflektieren, Bücherlesen oder eine gute Psychotherapie. Man ist nie ganz damit fertig aber man kann den Kopf immer länger aus dem Sumpf halten.
  3. Die Beziehung als Projekt betrachten.
    Ich wähle diese sachliche Bezeichnung, weil sie den meisten Menschen etwas deutlich klar macht. Wer etwas Großes erreichen will, muss eine Menge dafür tun.
    Wenn Sie ein Essenseinladung für zehn Personen planen oder einen gepflegten Garten haben möchten, wenn Sie eine individuelle Reise planen, dann investieren Sie eine Menge Zeit, Energie und Geld in dieses Projekt. Sie setzen sich nicht hin und denken „Muss irgendwie von alleine laufen.“
    Wenn in einem beruflichen Projekt Sie bei einem Kunden eine Irritation bemerken, denken Sie nicht: „Der soll sich mal nicht so anstellen!“ Sie gehen hin und versuchen, das Missverständnis auszuräumen. Wenn ein Projekt an die Wand zu fahren droht, denken Sie als Projektleiter nicht: „Da sind die anderen dran schuld!“ Sondern sie forschen nach, woran es fehlt. Unklare Ziele, zuwenig Einsatz, zuwenig Kommunikation?
    Eine intensive Partnerbeziehung – nicht das nebeneinanderher Leben in einer ehelichen Wohngemeinschaft – ist ein Riesenprojekt.
    Das klingt jetzt vielleicht anstrengender als es gemeint ist. Wichtig ist die innere Einstellung. Viele denken ja wie Alfred Tetzlaff: „Bei der Hochzeit hab ich dir gesagt, dass ich dich liebe. Das giltet jetzt für die nächsten dreißig Jahre.“
  4. Auf Gleichberechtigung achten.
    Dazu gehört einerseits ein gleichberechtigtes Geben und Nehmen. Eine Beziehung, in der einer nur gibt oder einer nur nimmt, ist meist zum Scheitern verurteilt. Die Frau, die arbeitet und lange Jahre das Studium ihres Partners finanziert, wird oft am Ende verlassen. Warum? Weil der Mann unbewusst spürt, dass er soviel bekommen hat, dass er das nie wiedergutmachen kann – und lieber in eine unbelastete Beziehung flüchtet.
    Der sprichwörtliche Streitpunkt, wer den Mülleimer runterbringt, ist ja kein sachlicher. Es geht dabei mehr um die Anerkennung des Mannes, was seine Partnerin im Haushalt schon alles macht.
    Gleichberechtigung zeigt sich aber auch bei den Finanzen. Wenn einem Partner das gemeinsam bewohnte Haus allein gehört, das mit der Arbeitsleistung beider abgezahlt wird, ist das ein Thema. Wenn beide getrennte Konten haben und keiner so recht weiß, was der andere verdient, zeigen sich hier die Grenzen der Gleichberechtigung und vielleicht auch das mangelnde Vertrauen.
    Ob Ihre Beziehung gleichberechtigt, finden Sie am besten mit Ihrem Partner heraus. Am besten in Form eines Zwiegesprächs, denn das Thema ist bei vielen Paaren konfliktbeladen. Hier eine Anleitung.
  5. Nähe und Sexualität lebendig halten. Titel
    „Overworked and underfucked“ ist ein treffender Ausdruck für die Situation vieler Paare. Wenn der Mann viel arbeitet und die Frau Familie und Haushalt managt. Wenn beide arbeiten und abends um zwanzig Uhr nach Hause kommen.
    Nähe entsteht nicht auf Knopfdruck, weil man gerade mal eine halbe Stunde Zeit hat. Sexualität ist ein guter Gradmesser für die innere Bezogenheit der Partner zueinander. Wenn er nicht „kann“ oder sie nicht „will“, sind das meist Signale über den Zustand der Beziehung.
    Wie hält man die Beziehung lebendig?
    So wie man ein Projekt am Laufen hält. Durch Engagement und Einsatz. Konkret: Paare brauchen Zeit zu zweit. Ohne Kinder, ohne Freunde, ohne Eltern. Das kann ein Abend in der Woche sein. Oder ein halber Tag am Wochenende. Zeit, wo Sie sich begegnen können – und möglichst etwas tun, was Ihnen beiden gut tut.
  6. Beherzigen Sie die 5-zu-1-Regel.
    Der Paarforscher John Gottman hat etwas sehr Wichtiges herausgefunden, was glückliche Langzeitpaare anders machen als Paare, die sich trennten:
  7. Glückliche Paare geben sich 5 mal mehr positive Botschaften (Fragen stellen, Zuwendung, Berührung, Bestätigung) als negative Botschaften (Ärger, Zurückweisung, Feindseligkeit, Mauern).
    Das Verhältnis ist also nicht „Eins zu eins“. Das heißt, wenn Sie Ihren Partner verletzt oder verärgert haben, genügt eine positive Botschaft nicht. Sie brauchen fünf.
    Mein Vorschlag: probieren Sie es aus. Nur für eine Woche. Und testen Sie, ob es einen Unterschied in Ihrer Beziehung macht und darin, wie Sie sich in Ihrer Beziehung fühlen.

  8. Einen gemeinsamen Sinn für die Beziehung finden. Titel
    Für die meisten Menschen sind das gemeinsame Kinder. Obwohl Kinder viel Geld kosten, endlose Mühen und Sorgen machen, ist das für die meisten Menschen so.Vielleicht weil Kinder einem deutlich machen, dass das Leben begrenzt ist. Dass wir dieses Leben verlassen werden – und in den Kindern etwas von uns bleibt. Kinder machen auch deutlich, dass das Leben ein unendlicher Strom ist und wir ein Teil davon sind – für eine begrenzte Zeit.
    Gemeinsam das Haus abzuzahlen oder dass beide ihre Karriere verfolgen, glaube ich, reicht nicht als Sinn für eine Beziehung. Das ist dann mehr ein gut funktionierendes Arbeitsteam.
    Einen gemeinsamen Sinn für die Beziehung finden ist die Antwort auf die Frage: „Warum sind gerade wir beide zusammen?“
    Wie nähert man sich dieser Antwort?
    Indem Sie Ihr Leben vom Ende betrachten und darauf schauen, was Sie mit Freude, Zufriedenheit und Stolz erfüllt, was Sie gemeinsam in Ihrer Beziehung und Ihrem gemeinsamen Leben geschaffen und ermöglicht haben.
    Das können Kinder sein. Das kann die gegenseitige Hilfe sein, das jeweilige Potenzial zu entwickeln. Das kann eine gemeinsam gelebte Spiritualität sein. Finden Sie Ihre Antworten.

PS: Wenn Sie ein Beziehungsproblem mit mir bearbeiten möchten, empfehle ich Ihnen mein neues Partner-Beziehungs-Seminar

Podcasts von Roland Kopp-Wichmann Diesen Beitrag können Sie sich hier als Podcast anhören:

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Fotos: © ulga, Blue-Fox und arokas l – Fotolia.com und sxc

1 Kommentar bisher

Ein Kommentar to “Was machen langjährige Paare anders?”

  1. Sabine Feickerton 25 Sep 2009 at 13:26

    Hallo Herr Kopp-Wichmann,
    die Zusammenstellung finde ich sehr schon sehr umfassend und treffend.

    Ein paar Aspekte möchte ich noch dazufügen.
    Sie fordern „Seine Geschichte aufarbeiten“, dazu gehört für mich auch als ganz wichtiger Punkt „Seine Vorstellungen aufarbeiten“. Sich darüber klar werden, dass es nicht Aufgabe des Partners sein kann, mich glücklich zu machen. Die eigene Verantwortung zu erkennen und zu übernehmen.

    Aufrichtiges Interesse am Anderen ist für mich eine Grundvoraussetzung.

    Und gerade wenn ein Sinn für die Beziehung gesucht wird, sehe ich gemeinsame Interessen und gemeinsame Ziele als fördernd an. Das braucht die Bereitschaft, sich auch mal auf etwas einzulassen, was eigentlich so gar nicht in meinem Interessengebiet liegt, aber meinen Partner interessiert. Wenn ich mich darauf einlasse, es auszuprobieren, finde ich vielleicht heraus, dass es mir auch Spaß macht und wir eine Gemeinsamkeit gefunden haben.
    Gleichzeitig braucht aber auch jeder genügend Raum für eigene Interessen, Distanz und Nähe in die richtige Balance bringen, das gelingt nur mit der Bereitschaft ab- und zuzugeben. Gerade wenn die Kinder größer werden muss ein neuer Sinn gefunden werden, falls bisher die Kinder der einzige Sinn der Beziehung waren.

    So ganz am Rande – die armen Kinder, die einziger Sinngeber für elterliche Beziehungen sind.

    Viele Grüße,
    Sabine Feickert

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