Dez 11 2009

Muss er ihr zuliebe ordentlicher werden?

frau chaos unordnung wäsche foto-privatUnter dieser Überschrift stellt der bekannte Paartherapeut Wolfgang Schmidbauer in seiner regelmäßigen ZEIT-Kolumne „Die großen Fragen der Liebe“ folgendes Problem vor:

Ein Paar wohnt seit drei Jahren zusammen und streitet sich immer wieder über die unterschiedlichen Vorstellungen von Ordnung und Hygiene.
Der Mann lässt alles um sich herum stehen und liegen, manchmal legt er sogar seine gebrauchten Socken auf den Schreibtisch (!) seiner Partnerin oder entsorgt seine gebrauchten Wattestäbchen in der Toilette.
Die Frau vermutet eine Muttersohn-Problematik, denn ihr Partner ist erst mit 32 Jahren von zu Hause ausgezogen. Der Mann stört sich an den ständigen Vorwürfen seiner Partnerin. Er argumentiert, dass er sie ja nicht zwinge, ihm alles hinterherzuräumen. Sie solle sich einfach mit seinem Ordnungsverhalten abfinden.
Aber das will die Frau nicht.

Bevor Sie weiterlesen – was meinen Sie zu diesem Problem?

Vielleicht kennen Sie es ja aus eigener Erfahrung. Wie sind Sie damit umgegangen? Oder was würden Sie tun, wenn Ihr/e Partner/in sich so verhielte?

Nun die Antwort auf die Frage der Frau:
„Muss sie sich damit abfinden?

Wolfgang Schmidbauer fürchtet: ja.

Das Ordnungsverhalten von Menschen könne man kaum ändern. Es gäbe eben Setzkasten-Leute (alles hat seinen Platz) und Zwischenlager-Typen (erst ablegen, später aufräumen). Gefährlich seien Vorwürfe wie „Du weißt doch, wie mich deine Unordnung kränkt!“

Schmidbauers Vorschlag: Sie müsse manches aufräumen, wofür sie nicht zuständig sei und sich von ihrem Partner auf andere Weise dafür entschädigen lassen.

So sehr ich den Kollegen Schmidbauer schätze und seine Ansichten in den meisten anderen Fällen seiner Kolumne teile – hier finde ich das den falschen Rat.

Denn ich halte das für eine Verdrehung von Aktion und Reaktion. Aus meiner Sicht ist das eine typische Verhaltensweise eines Muttersohns und die Frau tut ihrem Partner und sich keinen Gefallen, wenn sie in die Rolle der verzeihenden Mutter schlüpft, die dann murrend doch aufräumt. Und sich dann anderweitig entschädigen lässt (Muttertag?).

Ich glaube  auch nicht, dass Ordnungsverhalten eine so stabile Persönlichkeitseigenschaft ist, dass man sie nicht ändern könne. Und vor allem glaube ich nicht, dass der Mann sich in anderen Kontexten auch so verhält. Zum Beispiel im Beruf.

  • Angenommen, der Mann würde im Büro ein, zwei Mal seinen leeren Kaffeebecher auf den Schreibtisch des Chefs stellen.
  • Oder er würde auf dem Firmenparkplatz mit seinem Auto häufig zwei Plätze blockieren.
  • Oder dringende Kundenanfragen würde er liegen lassen mit der Begründung, dass er das später machen würde.

Wie gesagt, ich bezweifle, dass die meisten Männer, die sich zu Hause wie verwöhnte, schwer erziehbare Jugendliche aufführen dasselbe Verhalten auch im Beruf zeigen. Und die auf Ermahnungen des Chefs oder von Kollegen, ihr störendes Verhalten zu unterlassen, antworten würden, die anderen könnten sich doch einfach mit seinem Verhalten abfinden.

Und übrigens: auch bei einem Jugendlichen in der Pubertät würde ich nicht empfehlen, solches Verhalten zu tolerieren und dem Elternteil raten, sich daran zu gewöhnen. In seinem Zimmer kann ein Jugendlicher – auch wenn er schon 32 Jahre zählt – natürlich machen was er will. Aber in gemeinschaftlich genutzten Räumen, sei es das Büro oder die gemeinsame Wohnung, braucht es ein bestimmtes Maß an Kooperation und eine Vereinbarung auf verbindliche Regeln.

  • Oder wie würde der Mann in obigem Beispiel reagieren, wenn seine Partnerin im gemeinsam genutzten Computer einen Teil seiner Dateien durcheinanderbringt und dies mit dem Hinweis erklärt, sie könne halt schlecht mit einem PC umgehen?

Das Aufräumbeispiel  illustriert anschaulich, was ich in meinem Buch das „Nabelschnur-Dilemma“ nenne:

[youtube width=“325″ height=“244″]http://www.youtube.com/watch?v=GoYv0zeRoLE[/youtube]

Aber was kann die Frau tun? Oder der Mann?

Das ist die spannende Frage, die ich hier zur Diskussion stellen möchte.

kommentar Was würden Sie als Partnerin dieses Manns tun?
Und wenn Sie selbst zu diesem Verhalten neigen – was würde Sie zu einer Veränderung veranlassen?

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Foto: © privat

7 Kommentare bisher

7 Kommentare to “Muss er ihr zuliebe ordentlicher werden?”

  1. Ursulaon 01 Nov 2011 at 10:02

    hallo, hier ein sehr verspäteter kommentar 🙂

    liegen lassen – niemals hinterher aufräumen.

    wenn die socke auf meinem schreibtisch liegt, sie auf seinen schreibtisch legen.

    ebenso mit dem essen, wenn ich es mache: ich rufe einmal, dann setze ich mich hin und beginne selber zu essen. einmal rief ich zehlmal und erntete immer ein „ja, gleich“. dann war schluss damit. beim nächsten mal rief ich einmal, zählte langsam bis zehn und fing mit meinem essen an. ich war dann fertig und er bekam eine kalte malzeit. beim nächsten mal kam er sofort – lernfähig und: geht doch.

    übrigens: lässt sich prima auf den job übertragen. nicht hier in muttiverhalten verfallen und dann den bericht selber machen, ER soll seine aufgaben erfüllen.

    liebe grüße

    Ursula

  2. adminon 01 Nov 2011 at 11:46

    Gefällt mir. 😉

  3. Lirion 22 Aug 2012 at 11:26

    Ich würde einen Mittelweg zwischen der Position Schmidbauers und Kopp-Wichmanns wählen. Denn die Partnerschaft ist nicht mit dem Beruf zu vergleichen – wer fühlt sich denn bitte schön wohl, wenn er sich zu Hause genauso zusammenreißen muss wie im Beruf? Der Partner sollte wirklich nicht wie ein Kollege sein, sondern er/sie sollte Spleens und Macken mehr tolerieren, als das im Job üblich ist.

    Ich kann den obigen Beitrag nur unterschreiben, dass man klare Grenzen setzen muss, die schnell klar machen, dass man sich nicht alles gefallen lässt und nicht ständig zähneknirschend oder meckernd hinterherräumt. Oder am Ende doch alles alleine macht.

    Zusätzlich kann auch sehr helfen: Eigene Bereiche für sich und den Partner schaffen. Statt in der Wohnung alle Räume gemeinsam zu haben (Schlafzimmer, Wohnzimmer), muss man einfach trennen: Sein Zimmer und ihr Zimmer. Dafür ist man jeweils selber verantwortlich und der andere redet in die Sauberkeit nicht rein.

    Weiterhin helfen klare Aufgabentrennungen, für die jeder dann völlig alleine verantwortlich ist und wo der andere ebenso möglichst nicht reinredet. Was hat das meine Beziehung erleichtert, dass mein Freund und ich feststellten, dass ich Küche aufräumen hasse, aber Wäsche machen und Bad putzen okay finde; und dass er ein Trauma vom täglichen Badputzen bei der Mutter hat, aber Geschirrspülen ganz in Ordnung findet. Ich meckere nicht, wenn bei ihm mal länger was liegen bleibt (würde aber vielleicht für jeden eine feste Deadline einführen, bis wann Dinge generell gemacht werden müssen , wenn es zu arg schlimm wird), weil ich halt auch öfter mal mit dem Bad in Verzug bin und froh bin, wenn er das toleriert.
    Bereiche, in denen Dinge exakt so gemacht werden sollen, wie ich mir das vorstelle, die mache ich alleine. Spart viel Ärger. Dafür gibts aber einen Ausgleich, dass er dafür andere Dinge übernimmt. (Zum Beispiel könnte man sich bei Putzwütigen einigen, dass der eine immer aufräumt, dafür der andere stets einkauft, kocht und Steuererklärung und dergleichen macht)

  4. Lirion 22 Aug 2012 at 11:50

    Ach ja, etwas wichtiges habe ich vergessen, was mir gerade auffiel, als ich in die frisch aufgeräumte Küche kam. Nehmt die Hausarbeit des anderen nie für selbstverständlich. Anstatt sowas zu brummeln wie: „Wurde aber auch Zeit, lag alles lange genug herum“, tut ein ehrliches Lob und ehrliche Freude Wunder.

    Unsere Freunde waren oft erstaunt, dass wir uns tatsächlich immer beim anderen für dessen Hausarbeit bedanken und man selber auch Lob einfordern darf. („Hast du schon in die Küche gesehen?“ Nach dieser Frage gehe ich rüber und freue mich über eine blitzblanke Küche. Ist doch super, das kann doch wirklich gewürdigt werden!) Aber wenn man selber mal gemerkt hat, wie toll das ist, dass man sich gerade eine Stunde mit irgendeiner Putzerei herumgeplagt hat und dann der andere das schätzt und anerkennt und vielleicht sogar kleine Details der Arbeit bemerkt, dann entschädigt das fürs Putzen und man macht es das nächste Mal viel lieber.
    Gerade wenn Aufräumunwillige merken, dass sie nicht dauernd geschimpft werden, sondern auch mal ehrliche Freude durch ihr Aufräumen bekommen, dann sollte das doch eine starke Motivation sein.

  5. Acaon 12 Nov 2012 at 10:19

    Eine schwierige Frage, da der Muttersohn ja auch für das Prinzip „Rebellion gegen das weibliche, dass mütterliche“ stehen kann, wie in meinem Fall.
    Wer sagt denn zum Beispiel, dass der Mann im Sinn tantrischer, geschlechtlicher Polarität nicht für das Prinzip Unordnung, stetige Veränderung und Umgang mit dem Unvorhersehbarerem steht (weil eigentlich Krieger und Jäger), und die Frau für das Prinzip pflegen, reinigen, erhalten (der Babys wegen).
    Ist der erzogene Mann, der brav alles das tut was seine Frau (was Mutti) von ihm verlangt nicht viel mehr ein „Muttersöhnchen“ wie der „übermännliche“ Rebell, der „Macho“ der einfach sagt: „Hallo, ich reiss mir den ***** da draussen für uns auf, dann kannst du doch wenigstens die Bude in Ordnung halten, während du auch die Kinder zuhause versorgst.“
    Frage also: Müssen alle Menschen Metrosexuell sein, oder haben wir uns in „modernen“ Gesellschaft lediglich vom altbewährtem Prinzip der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern entfernt, mit all den neuen Problemen, die sich dadurch ergeben? Oder ist das etwas, was jedes Paar individuell aushandeln muss, je nach persönlicher Präferenz und Prägung, so das Pauschalisierungenhier eh vollkommen fehl am Platz sind?

  6. adminon 12 Nov 2012 at 13:43

    Ich denke auch, dass jedes Paar das individuell aushandeln muss. In meinem Buch schreibe ich ja auch, dass der Macho wie auch der Casanova letztlich Muttersöhne sind.

    Danke für Ihren Kommentar.

  7. Martina Dielon 06 Apr 2016 at 11:20

    Zitat:
    „Eine schwierige Frage, da der Muttersohn ja auch für das Prinzip „Rebellion gegen das weibliche, dass mütterliche“ stehen kann, wie in meinem Fall.“

    Was machen wir denn dann, wenn die Frau sich analog leistet, für das Prinzip „Rebellion gegen das Männliche, Väterliche“ zu stehen?

    Zitat:
    „Wer sagt denn zum Beispiel, dass der Mann im Sinn tantrischer, geschlechtlicher Polarität nicht für das Prinzip Unordnung, stetige Veränderung und Umgang mit dem Unvorhersehbarerem steht (weil eigentlich Krieger und Jäger), und die Frau für das Prinzip pflegen, reinigen, erhalten (der Babys wegen).“

    Ich.

    Zitat:
    „Ist der erzogene Mann, der brav alles das tut was seine Frau (was Mutti) von ihm verlangt nicht viel mehr ein „Muttersöhnchen“ wie der „übermännliche“ Rebell, der „Macho“ der einfach sagt: „Hallo, ich reiss mir den ***** da draussen für uns auf, dann kannst du doch wenigstens die Bude in Ordnung halten, während du auch die Kinder zuhause versorgst.“

    Steht im genannten Beispiel irgendwo, dass er sich den A…. „da draußen“ mehr aufreißt als sie? Steht irgendwo, dass sie Hausfrau und Mutter ist?

    Zitat:
    „Frage also: Müssen alle Menschen Metrosexuell sein, oder haben wir uns in „modernen“ Gesellschaft lediglich vom altbewährtem Prinzip der Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern entfernt, mit all den neuen Problemen, die sich dadurch ergeben?“

    Das Prinzip der Arbeitsteilung ist nicht altbewährt, noch nicht mal althergebracht.
    Es hat mit Metrosexualität wenig zu tun, wenn die Aufgabenteilung beinhalt, dass die Arbeit komplett bei dem einen liegt.

    Zitat:
    „Oder ist das etwas, was jedes Paar individuell aushandeln muss, je nach persönlicher Präferenz und Prägung, so das Pauschalisierungenhier eh vollkommen fehl am Platz sind?“

    Natürlich muss das jedes Paar individuell aushandeln. Daher wundert es mich ja so, dass Sie hier mit Klischees wie „Jäger/Sammler“ etc. kommen.

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